von Tim Clausen » Sa 24. Jul 2010, 22:28
Jahr 2010 - Paris Nizza - Etappe 3
Ein kleiner Trost für Tim war das Bergtrikot, dass er bereits während der gestrigen Etappe tragen durfte. Und zu seinem Glück gab es auf dieser Etappe keine Bergwertungen, so das er auch heute das weiße Trikot mit roten Punkten tragen durfte. Die 205Kilometer lange Etappe nach Limoges führt über
drei Berge der dritten Kategorie. Auf der zweiten Etappe hatte sich Tim noch mit Helferaufgaben abgefunden und im Finale am Zug für Bonnet mitgewirkt. Das es dabei leider nur der dritte Platz im Hauptfeld, 1:26 hinter einer dreiköpfigen Ausreißergruppe war, trübte seine Stimmung ein wenig. Heute aber, war es wieder seine Etappe. Er wusste, dass alles versucht würde um sein Trikot zu halten um die Marke Bbox in den Medien zu vertreten. Und so kam es dann auch. Unmittelbar nach dem Fahnenschwenk des Rennkommisars eröffnete er das Feuer und spurtete los. Das alles wirkte ein wenig unbeholfen, aber es funktionierte. Schnell entstand eine große Lücke zwischen ihm, seinen beiden Begleitern und dem Peloton. Doch allerdings erhöhte dieses sofort das Tempo, nachdem allen klar wurde, dass Clausen nur einen Abstand von 1:30 auf die Spitze hatte. Und so wurden sie am Fuße des Anstieges wieder eingeholt. Einzig und Allein Tim wollte das nicht dulden. Und so kam es, dass er noch einmal kräftig anzog und die Bergwertung schlussendlich vor Berard und Gutierrez Cataluna für sich. Er wusste nicht genau was als nächstes zu tun war. Sollte er auf das Peloton warten und dann die nächste Gruppe suchen? Oder alleine versuchen so weit wegzukommen wie möglich? Er entschied sich für letzteres und versuchte ein konstant hohes Tempo anzuschlagen, mit der Hoffnung bald eine kleine Gruppe um sich zu haben.
Und bereits nach 10Kilometer Solofahrt kamen von hinten weitere Fahrer um sich der Flucht anzuschließen. Der stetige Strom von neuen Flüchtlingen wollte gar nicht abreißen und erst als Tim 13 Mann außer sich selbst gezählt hatte, ebbte der Zuwachs ab. Diese 14 Mann also, mittlerweile bereits ein Vorsprung von über 4 Minuten habend, machten sich auf in Richtung Ziel. Tim durchlief die Reihe der Tempomacher nur ab und an und orientierte sich dabei an Steve Morabito, der sogar seinen Teamkollegen S. Zahner in der Gruppe hatte, welcher natürlich die Hauptarbeit übernahm. Bis auf einige kleine Spielchen bei der Tempoarbeit lief die Gruppe aber recht gut und so kam es auch, dass sie immer noch beinahe 4:30Minuten Vorsprung auf das Peloton hatten, bei noch guten 130 zu fahrenden Kilometern. Es warteten immer noch drei Sprintwertungen und zwei Bergwertungen auf die Gruppe. Tim hatte sich vorgenommen zumindest bei der ersten Bergwertung sein Trikot zu sichern und sich ab da auf einen möglichen Etappensieg vorzubereiten. Sollte die Gruppe weiterhin so gut zusammenarbeiten würde der Etappensieg in immer erreichbarere Nähe kommen, das wussten sie alle. 5Kilometer später wurde Tim und seinen Teammitgliedern eine traurige Nachricht übermittelt, Thomas Voeckler hatte einen Sturz und musste aufgeben. Er hatte zwar versucht sich wieder aufzurappeln, aber vermutlich erlitt er dabei eine Verletzung am Steißbein und konnte nur unter aller größten Schmerzen ein paar Meter rollen, bevor er es endgültig aufgab. Tim konnte sich nicht zu sehr um Thomas sorgen, da er vorne die Gruppe am laufen halten musste. Es waren jetzt noch 5Kilometer bis zu der ersten Sprintwertung, aber die Gruppe hatte bereits 6:30 Minuten Vorsprung! Der Sturz muss das Feld ein wenig gebremst haben, was für die Gruppe natürlich von Vorteil war. Wie zu erwarten war, wollte sich jeder die Punkte und Sekunden sichern und es begann das Gesprinte. Zahner(BMC) sicherte sich den ersten Platz vor Portal(SKY) und Impey(RSH). Außerdem wurde die große Gruppe in zwei kleine Gruppen gesplittert. Die erste, aus drei Fahrern bestehende, setze sich aus Zahner, Portal und
Drujon(CAISSE) zusammen. 25Sekunden dahinter dann die 11 verbliebenen Fahrer. Ponzi, Lagutin, Delage, Impey, Mortensen, Correia, Gutierrez, Reimer, Berard, Morabito und Clausen war die Besatzung der Verfolgergruppe. 7:20 dahinter kam dann erst die jagende Meute des Pelotons. Aber es waren immer noch 105Kilometer bis zu dem erlösenden Zielstrich und beinahe 60KIlometer bis zu der für Tim interessanten Bergwertung.
Er hatte sich dafür entschlossen, sich erst einmal ans Ende der Gruppe fallen zu lassen und den Anderen die Aufgabe des Lückenschließens zu überlassen. Dasselbe wurde von Morabito erwartet, doch ganz entgegen der Erwartungen reihte er sich in die Führung ein, obwohl sein Teamkollege vorne war.
Ganze 15 Kilometer hatte es gedauert, bis die Gruppe wieder vereint war. Ab diesem Punkt waren noch 90Kilometer zu fahren und der Abstand blieb konstant bei 7:20. 10 Kilometer waren seitdem vergangen und die Gruppe arbeitete immer noch gut zusammen, allerdings war der Vorsprung auf 6:37 zurückgeschrumpft. Nach und nach konnte das Peloton den Abstand verkürzen. So waren bereits 10Kilometer vor der 60Kilometer vor dem Ziel liegenden zweiten Sprintwertung des Tages nur noch 5:22 als Abstand auf die Schilder der Motorräder geschrieben. Die Gruppe fuhr bis zu der Sprintwertung gut zusammen und inzwischen war auch durchgängig wirklich jeder in der Arbeit zu sehen. Die Sprintwertung wurde dieses Mal weniger beachtet und alle Fahrer fuhren ohne Sprint über die Linie. Die Glücklichen waren dabei Zahner(BMC), Correira(CERVELO) und Ponzi(LAMPRE), die sich die Punkte der Reihenfolge nach sicherten. Die Gruppe zog das Tempo durch und ging dann mit einem Vorsprung von 4:17 in den Anstieg zur vorletzten Bergwertung des Tages. Clausen setze sich an die Spitze de Gruppe und der Rest ließ ihn Gewähren. Damit führte er nun die Bergwertung mit 10 Punkten vor Chavanel an. Die Restdistanz bis zum Ziel betrug da aber noch fast 40 Kilometer und der Vorsprung gegenüber dem Hauptfeld war auf übersichtliche 3:13 gekürzt. Und der Vorsprung sollte nicht größer werden. Im Gegenteil dazu verringerte sich dieser bis auf unter 1:30Minuten. Tim hatte jedoch einen großen Fehler an der letzten Sprintwertung begangen. Jeder sprintete plötzlich, ganz entgegen der Absprache los und er musste das Loch mit einer Attacke schließen, die ihm seine ganzen Kraftreserven kosteten, doch er schaffte den Anschluss. Ein paar Kilometer später ließ er sich ein letztes Mal zum Teamwagen zurückfallen um neue Flaschen aufzutanken, denn ab jetzt galt es. Die letzten 20Kilometer, die komplett ohne die Versorgung aus dem Teamfahrzeug abliefen, ging es nun noch vor dem Peloton zu bewältigen. Aber zuerst lag weitere 10Kilometer in front die letzte Bergwertung des Tages. Bis dahin musste sich Tim entscheiden ob er diese Punkte noch abgreifen sollte oder ob die Zeit reichte um sich auf die Etappe zu konzentrieren.
Attacke von Reimer! Portal kontert diese Attacke, setzt sich aber auch von Reimer ab und nimmt den Berg mit 30Sekunden Vorsprung auf die Gruppe und weiteren 40Sekunden auf das Peloton in Angriff. Dahinter bröckelt langsam die Gruppe vor sich hin. Correia, Berard und Reimer fallen zurück. Und auch Tim musste ebenfalls reißen lassen. Man sah ihm die Demütigung förmlich an, aber als vorne Lagutin das Tempo forcierte konnte er einfach nicht mehr mithalten. Tim wartete kurz, setzte sich an die Spitze des Pelotons und warf da noch einmal alles in die Wagschale. Mit letzter Kraft erhöhte er für dreißig bis vierzig Meter noch einmal schlagartig das Tempo und ließ sich dann zurückfallen. Sein Leiter hatte ihm nämlich aufgetragen einen Angriff von Pierrick vorzubereiten und so kam es dann auch. Tim konnte gerade noch seinen Teamkollegen wegfahren sehen, bevor er vom Peloton wieder verschluckt wurde. Er bekam den weiteren Verlauf nur durch etwas verwirrende Kommentare aus dem Funk mit.
“Hinter dir sind Leipheimer, Evans, Botcharov und Rohregger. Wer ist das vor dir?”
“Vor mir ist nur Eddy und sein Helfer Portal. Er zieht noch mal an.”
“Wie sieht’s bei euch hinten aus?”
“Nicht gut. Alle sind im Peloton, aber schlechte Position für den Sprint”
“Alles klar, Pierrick, gib Gummi junge. Forciere noch einmal. Du musst Boasson Hagen los werden!”
“Das schaffe ich nicht mehr, ich versuche es mit dem Sprint. Bin in perfekter Position. 3. Position am Hinterrad von Eddy. Ich klink mich aus.”
Ab diesem Zeitpunkt war es still in dem Kommunikationskanal. Doch das war nur von kurzer Dauer. Pierrick hatte sich wohl in der Entfernung zum Ziel verschätzt. Denn erst jetzt kam das Zeichen für 5 verbleibende Kilometer und dann wurde diese 7 Mann Gruppe auch schon vom Hauptfeld einverleibt.
Dann wurde es aber wieder laut im Funk.
“Ja!!! Er setzt sich ab! Er packt’ s. Wenn er sich in die Abfahrt rettet schafft er es.”
Und wie er es tat. 10Sekunden Abstand zwischen ihm und dem Peloton wurden jetzt durchgegeben. Die Abfahrt war zwar noch 2Kilometer lang, aber sie ging auch beinahe bis zum Zielstrich.
“Hinten im Tempo jetzt Cervelo mit Gustov. Pierrick packt es Jungs! 22Sekunden sagt Radio P-N.”
Als nächstes wartete eine 50Meter lange 5% Rampe auf ihn. Tim bekam von alledem wenig mit, denn er musste hinten um den Anschluss kämpfen und das war wahrlich schwer genug.
Pierrick hatte mittlerweile die Flame Rouge erreicht, jedoch verlor er immer mehr an Tempo und die Verfolger in Form von Samuel Sanchez waren wieder bis auf 12Sekunden dran.
Ein paar ruhige Momente vergingen doch dann kam der erneute Aufschrei. “JA!!! Er hat es gemacht. Das Ding gehört uns. Super Arbeit. Danke an euch alle.”
Tim war sehr froh, obwohl er doch den Anschluss verloren hatte, nach einem verlorenen Kampf.
Ein wenig später nahm Pierrick seine Blumen von den hübschen Damen entgegen und er bedankte sich bei den ersten Gratulanten. Nach ihm kam Mathieu Ladagnous, der seit seinem Ausreißersieg auf der zweiten Etappe das Gelbe Trikot trug. Er nahm sein Trikot stolz und mit einem Strahlen in den Augen entgegen. Ebenso nahm Samuel Sanchez das Trikot des Punktbesten entgegen, welches er nach seinem zweiten Platz auf der heutigen Etappe erobert hatte. Dann kam noch einmal die große Zeit des Tim Clausen. Mit einem Blick, der Aufschluss über seine Erschöpfung gab, nahm er das Trikot entgegen und duldete die Küsschen der Frauen, um sich möglichst schnell ausruhen zu dürfen. Tony Martin bekam wieder einmal die Auszeichnung als bester U25 Fahrer und als bestes Team wurde Euskaltel geehrt.